Schreizeit

Wellcome Library, London A desperately unhappy mother cradling her sick child, 1902. The woman’s top clothing is removed, suggesting that she has been breast feeding. Etching 1902 By: Théophile Alexandre Steinlen

Als unser kleines Monster im Dezember 2013 auf die Welt kam, meinte die Hebamme im Kreißsaal: So ein liebes Baby hatten wir schon lange nicht mehr. Mit lieb meinte sie, dass E. kaum schrie. Statt dessen schaute sie schlecht gelaunt in die Runde, als wollte sie sagen: Geht’s noch?!? Hat einer von euch mal auf die Uhr geschaut? Es ist mitten in der Nacht!

In den ersten zwei Wochen blieb sie ruhig, schläfrig und “lieb”. Dann ging der Terror los. Baby E. wollte ums Verrecken nicht einschlafen und fand mit weit aufgerissenen Augen noch den kleinsten Lichtstrahl unter der Tür oder durch das Schlüsselloch zielsicher wie ein Trüffelschwein. Dieses Lichtpunkt starrte sie an, bis sie irgendwann schrie und schrie und schrie… Eingeschlafen ist sie praktisch nur durch Erschöpfung. Wir haben uns relativ lange etwas vorgemacht, auch weil das Label “Schreibaby” so negativ klingt und sich niemand gerne eingesteht, dass mit dem eigenen Kind etwas nicht stimmt.

 Die Schreizeit dauerte bei uns bis ungefähr zum Ende des vierten Monats an. Bis wir uns tatsächlich als Eltern davon erholt hatten, dauerte es allerdings noch eine ganze Weile länger. Jedes Mal wenn wir das Haus verlassen haben, wenn Besuch kam oder wenn es ans Anziehen ging, rechneten wir mit einem Ausbruch. Bei jedem kleinen Gequengel nahmen wir innerlich Haltung an.

 Das Schreien an sich ist schon schlimm genug. Das unangenehme Dauerbeschallung Stress auslöst ist kein Geheimnis. Hinzu kommt noch die Angst, dem Kind könnte körperlich etwas fehlen, die Zweifel an den eigenen Fähigkeiten als Eltern und das häufige Unverständnis des Umfelds. Erst wurden wir gar nicht richtig ernst genommen, so nach dem Motto: Tja, Babies schreien halt. Da wart ihr als blauäugige Neueltern wohl nicht richtig vorbereitet.

 Oder Menge bzw. Qualität der Muttermilch wurden in Frage gestellt. Auch sehr schön. Manchmal ist es mir angesichts der immer dämlicher werdenden Tipps in unserem Umfeld schwer gefallen, höflich zu bleiben: Fencheltee zur Beruhigung der Nerven (what?), Blockaden von alternativem Quacksalber wegmassieren lassen, Baby ein Lied vorsingen (wären wir nie drauf gekommen) etc. Das meiste war sicher ganz lieb gemeint, kann aber nur von Leuten kommen, die nicht wissen was es bedeutet, wenn ein Baby wie am Spieß schreit und zwar ganz gleich was man tut.

Was geholfen hat

  1. Professionelle Hilfe

Letzten Endes haben wir den Weg in die Schreiambulanz des Münchner Kinderzentrums gefunden. Dort hatten wir das Gefühl endlich verstanden und ernst genommen zu werden. Allein das hat schon so viel erleichtert. Die “Behandlung” bestand in Gesprächen, Führen eines Tagesprotokolls, einer körperlichen Untersuchung und der klaren Anweisung, sie tagsüber nicht länger als 90 Minuten am Stück wach zu lassen und dann mit allen Mitteln zum Einschlafen zu bringen.

Das Einschlafen haben wir auch dort zusammen mit unserer Psychologin geübt. Das hat geholfen zu erkennen, wann Baby sich langsam beruhigt und generell mit dem Gebrüll besser umzugehen und als Teil des Abschaltens zu akzeptieren. Der psychologische Support für die Eltern ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. Unserer Betreuerin werde ich ewig dankbar sein, weil wir immer mit neuem Optimismus aus den Terminen gegangen sind und sie immer wieder nach weiteren Wegen gesucht hat, uns die Zeit zu erleichtern.

  1. Einschlafhilfen

Wir haben von der Schreiambulanz viele Tipps bekommen, was beim Einschlafen helfen kann. Bei uns haben das Wippen auf einem Gymnastikball und das Schlafen in der Trage jeweils mit Schnuller am besten funktioniert, Kinderwagen und Einschlafstillen ab und an. Außerdem haben wir E. trotz anfänglich ziemlich heftiger Bedenken bei uns im Bett schlafen lassen. Das hat das Gebrüll zwar nur insofern reduziert als das unsere Reaktionszeit kürzer war, aber man nimmt was man kriegt in so einer Situation.

Der Nachteil ist, dass man alle diese Einschlafhilfen irgendwann wieder abtrainieren muss. Je nach Kind, Glück und Mondphase kann das leichter oder extrem mühselig sein.

  1. Unterstützung

Mein Mann war in den ersten drei Monaten daheim und, ganz ehrlich, ohne ihn hätte ich mich schnurstracks einweisen lassen können. Er hat tapfer den Großteil des Gebrülls ertragen und mir Freiräume zum Durchatmen ermöglicht. Als sich abgezeichnet hat, dass die Schreierei mit dem 3. Monat noch nicht vorbei sein würde, hat er kurzfristig einen weiteren Monat Elternzeit genommen. Das war keineswegs einfach, aber letztlich möglich.

  1. Verständnis

Meine Mutter hat zu den wenigen Menschen gehört, die tatsächlich verstanden haben, was es bedeutet, ein Schreibaby zu haben. Mein Bruder war auch so ein Exemplar. Es hat gut getan, zu wissen, dass man das alles überleben kann.

 

Natürlich gibt es etliche Bücher zum Thema. Wirklich empfehlenswert finde ich So beruhige ich mein Baby: Tipps aus der Schreiambulanz.

E. ist mittlerweile übrigens ein fröhlicher kleiner Floh und nur wenig quengelig. Also, auch wenn man es mittendrin nicht glaubt, es hat ein Ende und alles wird gut.